Leserbrief zu „Shared Space – Nein Danke“ (Lohhofer Anz. Nr. 39 v. 28.09.19)

Die Kritik einiger Einzelhändler/innen zu „Shared Space“ in der Bezirksstraße von Unterschleißheim sind mit deren Existenzängsten auf den ersten Blick absolut verständlich. Die eigentlichen Ursachen für diese Ängste liegen meines Erachtens aber leider wo ganz anders. Dem Überangebot der großen Supermärkte im Industriegebiet, welche neben Lebensmitteln auch längst Schreibwaren, Bekleidung, Bücher und vieles andere auf ihren Sonderaktionsflächen zu Billigpreisen anbieten, stehen dort oft nicht mehr wettbewerbsfähige Sortimente einiger (nicht aller) kleiner Händler/innen gegenüber.

Dies führt gepaart mit der schier unendlichen Angebotsfülle des Internet zwangsläufig zu einer Übersättigung des Marktes, wo natürlich die meisten Menschen dann eher das günstigere und oft auch das bequemere Angebot wie die Lieferung „frei Haus“ per Paket wählen. Der Internethandel kann aber nicht, durch welche Maßnahmen auch immer, auf Kommunalebene beeinflusst oder reguliert werden. Auch beliefern oft große Unternehmen aus Kostengründen kleinere Geschäfte gar nicht mehr oder schreiben ihnen eine bestimmte Abnahmemenge vor die sie nicht bewerkstelligen können.

Ebenso finden sich in der Bezirksstraße auf engstem Raum eine Vielzahl von beispielsweise Optikern und Friseurgeschäften in der Nähe, welche dort zueinander in Konkurrenz stehen. Irgendwann aber haben einfach nicht mehr genug Menschen einen Sehfehler oder genug Haare, um allen Anbietern dort das Überleben zu sichern. In der Folge muss natürlich alles immer billiger werden mit den entsprechenden Auswirkungen auf Lohn und Arbeitsbedingungen – oder man muss eben aufgeben wie kürzlich der Spielwarenladen.

Solange aber die aktuelle Politik dieses Landes im Einklang mit vielen anderen Industrienationen weiterhin eine marktwirtschaftliche Ordnung des „Wachsen oder Weichen“ pflegen, wird die angeprangerte Parkplatzsituation höchstwahrscheinlich das geringere Problem im künftigen Konsumverhalten in der Bezirksstraße sein, zumal dort ja weiterhin Parkplätze zur Verfügung stehen sollen. In dem kritisierten Versuch ging es ja erst mal nur um die Fahrbahn!

Die Grundlegenden Ursachen für die Existenzprobleme des Einzelhandels liegen daher wohl eher nicht in einem gut gemeinten Vorschlag für eine neue ungewohnte Nutzung der Bezirksstraße, sondern eher in einer immer weiter fortschreitenden rücksichtslosen Globalisierung in welcher die „Großen“ immer größer werden und die „Kleinen“ bald keine Chance mehr haben werden. Das „Höfesterben“ in der Landwirtschaft und das Aussterben kleiner Handwerksbetriebe machen dies längst vor.

Man sollte daher schon genau hinterfragen welche Partei(en) hier wirklich mit ihrer Politik den „Kleinen“ seit Jahren das Leben (indirekt) immer schwerer machen. Wenn sich die Fachgeschäfte in der Bezirksstraße aber weiterhin auf ihre Kernkompetenz wie Beratung, Service und Qualitätsprodukte besinnen, sollte die Idee des „Shared Space“ eine hoffentlich eher untergeordnete Rolle in deren Überlebenskampf spielen. Das Verkehrschaos in der Bezirksstraße zu gewissen Zeiten mit überfüllten Parkplätzen ist sowieso schon längst Realität. Der Verbraucher/in hat es aber auch hier wie überall in der Hand durch sein Verhalten entsprechende Abhilfe bzw. Unterstützung des Einzelhandels vor Ort zu schaffen.

Jörg Rappold, Unterschleißheim

Jörg Rappold
Jörg Rappold, ehemaliger Vorsitzender der ÖDP Schleissheim

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